Home

Biographisches

Artikel

Buch Verhaltenstherapie
image002.jpg


Journalistenpreise


Schlafstörungen -
Mit Pillen oder Psychologie gegen ein weitverbreitetes Übel?

von Jochen Paulus
(Wissen, SWR 2, 9.7. 2014)

SÜDWESTRUNDFUNK

SWR2 Wissen - Manuskriptdienst

 

Autor: Jochen Paulus Redaktion: Sonja Striegl

Sendung: Mittwoch, 9. Juli 2014, 08.30 Uhr, SWR2

 

 

 

 

Bitte beachten Sie:

Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

 

Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Wissen/Aula (Montag bis Sonntag 8.30 bis 9.00 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden für 12,50 € erhältlich. Bestellmöglichkeiten: 07221/929-26030!

 

SWR2 Wissen können Sie auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören: http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/wissen.xml

 

 

Manuskripte für E-Book-Reader:

E-Books, digitale Bücher, sind derzeit voll im Trend. Ab sofort gibt es auch die Manuskripte von SWR2 Wissen als E-Books für mobile Endgeräte im so genannten EPUB-Format. Sie benötigen ein geeignetes Endgerät und eine entsprechende „App" oder Software zum Lesen der Dokumente. Für das iPhone oder das iPad gibt es z. B. die kostenlose App „iBooks", für die Android-Plattform den in der Basisversion kostenlosen Moon-Reader. Für Webbrowser wie z. B. Firefox gibt es auch so genannte Addons oder Plugins zum Betrachten von E-Books. http://www 1.swr. de/epub/swr2/wissen. xml

 

 

Kennen Sie schon das neue Serviceangebot des Kulturradios SWR2?

Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert.

 

Jetzt anmelden unter 07221/300 200 oder swr2.de!

 

O-Ton 1a - Ralf Binder / Fantasiereise mit Musik (Passage mit Sprache frei, dann pure Musik unterlegen):

Entdecken Sie vielleicht, wenn Sie Ihren Blick über die Insel wenden, die eine oder andere Wiese.

 

Sprecherin:

Kann man Schlafen lernen? Ein Seminar verspricht genau das.

 

O-Ton 1b - Ralf Binder / Fantasiereise mit Musik (Passage mit Sprache frei, dann pure Musik unterlegen):

Mit bunten Blumen.

 

Sprecherin:

Die Teilnehmer begeben sich beispielsweise auf eine Fantasiereise.

 

O-Ton 1c - Ralf Binder / Fantasiereise mit Musik (Passage mit Sprache frei, dann pure Musik unterlegen):

Mit Blumen, an denen Sie vielleicht riechen wollen. Mit Blumen, die sie vielleicht lange nicht mehr gesehen haben.

 

Sprecherin:

Ein Psychologe leitet sie an.

 

O-Ton 1d - Ralf Binder / Fantasiereise mit Musik (Passage mit Sprache frei, dann pure Musik unterlegen):

Und sie gehen zu der Wiese. Bücken sich.

 

Sprecherin:

„Schlafstörungen - Mit Pillen oder Psychologie gegen ein weitverbreitetes Übel?"

Eine Sendung von Jochen Paulus.

 

O-Ton 1e - Ralf Binder / Fantasiereise mit Musik (Passage mit Sprache frei, dann ausblenden):

Wie fühlt sich der Geruch an? Wie fühlt sich die Blume in der Hand an? Sprecherin:

Eine solche Reise in der Fantasie können die zwanzig Seminarteilnehmer von nun an unternehmen, wenn sie im Bett liegen und nicht einschlafen können. Sie lernen noch vieles andere über den Schlaf und wie sie ihn finden können. Sie erfahren, dass es gut sein kann, erst einmal auf Schlaf zu verzichten und Übermüdung in Kauf zu nehmen. Sie sind beim „Seminar zur Förderung des gesunden Schlafes", das das Pfalzklinikum im idyllisch gelegenen Ort Klingenmünster alle paar Monate anbietet.

 

O-Ton 2 - Ralf Binder / Fantasiereise mit Musik:

Welche Bilder, welche Gedanken entstehen in Ihnen? Während Sie an der Blume riechen?

 

Sprecherin:

Das psychiatrische Krankenhaus zwischen den Hügeln der Pfalz ist eine Anlaufstelle für die schweren Fälle. Für Menschen, die ihre Nächte als Horror erleben. Begonnen hat das zweitägige Schlafseminar am Vortag mit einer Vorstellungsrunde, bei der die Teilnehmer von ihren Problemen erzählen. Herbert Geiger ist einer von ihnen. Der 57-jährige Raffinerie-Arbeiter, der hier wie alle Teilnehmer nicht seinen wirklichen Namen trägt, findet oft nur ein paar Stunden Schlaf in der Nacht. Jedenfalls kommt es ihm so vor. Diese Probleme hat er schon seit Jahren.

 

O-Ton 3 - Herbert Geiger:

Zuerst war es so schlimm mit den Ein- und Durchschlaf-Störungen, dass ich schon auf meine Frau einen gewissen Hass entwickelt habe, wenn sie geschlafen hat und ich nicht. Und da dachte ich, aha, höchster Alarm, ich muss was tun. Und hab' durch Zufall in der Zeitung hier, im Ortsblatt, auch gelesen, dass das Angebot hier in der Pfalzklinik da ist, Hilfe zu bekommen.

 

Sprecherin:

Die Teilnehmer sind in der Klinik einquartiert. Da sie über Nacht bleiben, können sie das Gelernte gleich ausprobieren und am nächsten Tag darüber berichten. Den Großteil des Seminars füllen die Vorträge und Gruppengespräche aus, auf Wunsch gibt es aber auch Einzelgespräche. Das Seminar des Pfalzklinikums sei eine Rarität, sagt Dr. Hans­Günter Weeß. Er leitet die schlafmedizinische Abteilung und übernimmt viele der Vorträge selbst.

 

O-Ton 4 - Hans-Günter Weeß:

Die Angebote sind leider nicht so verbreitet. Obwohl ein außerordentlich hoher Bedarf da wäre. Zirka sechs Prozent der Bevölkerung leiden an solchen Ein- und Durchschlafstörungen.

 

Sprecherin:

Werden jene mitgezählt, bei denen sich die Probleme bislang nicht zu einer regelrechten Krankheit ausgewachsen haben, haben sogar dreißig Prozent der Deutschen ernsthafte Probleme, einzuschlafen und durchzuschlafen. Das ergab eine Untersuchung des staatlichen Robert Koch-Instituts 2013 mit 8.000 Teilnehmern. Auch wer sich in der Fußgängerzone umhört, begegnet vielen, die ihre Nächte häufig nicht erholsam finden.

 

O-Ton 5 - Collage:

Oh, ich bin ein unruhiger Schläfer. Wache also alle zwei Stunden auf. Oder wenn ich Wein getrunken habe oder schwierige Gedanken habe, dann alle Stunde. Und manchmal schlafe ich bis fünf Uhr nicht. // Ich schlafe momentan schlecht.. Das liegt wahrscheinlich am Wetter oder was. Ich kann mir das nicht erklären. // Wir brauchen vielleicht nicht mehr so viel Schlaf und dann macht man das halt so: Dann geht man spät ins Bett und kommt so einigermaßen über die Runden. Aber ich bin oft um fünf Uhr wach. Könnte gut noch zwei Stunden schlafen. // Die Probleme sind die Flugzeuge. Ich wohne in einer Überflugschneise. Also da wird man in der Nacht bis zu vier, fünfmal geweckt. // Ich stehe da manchmal auf, mache mir einen Tee. Ja was soll ich machen? Ich lese dann. Wenn man zwei, drei Stunden wach liegt, ist es auch blöd, gell, wenn man nichts macht, gell.

 

Sprecherin:

Schon in der Antike haben Menschen über schlechten Schlaf geklagt. In Shakespeares Dramen finden Könige nachts keine Ruhe. Aber die Probleme mit dem Schlaf scheinen doch zugenommen zu haben - und seine Länge ab. Allein in den beiden vergangenen Jahrzehnten ist die durchschnittliche Schlafdauer um eine Stunde zurückgegangen, behauptet die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Schon Kinder und Jugendliche bleiben nicht mehr so lange im Bett wie vor hundert Jahren. Dazu ließen Forscher der Universitätsklinik Marburg über achttausend junge Menschen befragen. Unter der Woche kommen die Auszubildenden und Schüler im Schnitt nur auf sechseinhalb Stunden Schlaf pro Nacht, viele sogar auf weniger als sechs. Am Wochenende bleiben sie länger liegen, doch ihr Schlafdefizit gleichen sie so nicht aus.

 

O-Ton 6 - Mann (jung):

Ungefähr fünf, sechs Stunden, maximal vielleicht sieben. Aber das reicht mir vollkommen aus. Ich bin noch jung, ich will was erleben, ich will noch rausgehen mit Freunden. Auch arbeiten, aber auch wenig Schlaf.

 

Sprecherin:

Ein Hauptgrund für die kurzen Nächte liegt für Schlafforscher in dem immensen Medienangebot. Als der Freiburger Schlafforscher Prof. Dieter Riemann jung war, sah das noch anders aus.

 

O-Ton 7 - Dieter Riemann:

Ich kann mich selber erinnern, ich bin Jahrgang 58 und Fernsehen früher war um zwölf Uhr Mitternacht aus und dann kam das Testbild. Oder sogar um elf in Bayern. Ich glaube ich kann zuhause jetzt Hunderte von Kanälen anschauen rund um die Uhr. Also ich hab' Freizeitangebot, ich hab' Internet, ich hab' die ganzen elektronischen Medien. Das ist für Kinder und Jugendliche eine gewisse Verführung, wenn man das Handy neben dem Bett liegen hat, das man dann noch simst und whatsappt und was auch immer. Und es nachts auch anhat, dann stört das auch.

 

Sprecherin

Das gilt nicht nur für den Nachwuchs. O-Ton 8 - Frau (alt):

Also ich habe einen PC seit 20 Jahren und habe noch ein iPad im Bett. Und das ist natürlich nicht gut. Es gibt so viele schöne Sachen bei Arte, da muss ich dann immer gucken.

 

Sprecherin:

Auch beim Schlafseminar des Pfalzklinikums Klingenmünster geht es natürlich darum, warum Menschen nachts keine Ruhe finden. Schlafstörungen könnten viele Ursachen haben, erläutert Psychologe Hans-Günter Weeß.

 

O-Ton 9 - Hans-Günter Weeß:

Die können organischer Genese sein, können durch Medikamente hervorgerufen werden, durch Nebenwirkungen beispielsweise und sehr viele Schlafstörungen haben eben eine psychologische Komponente.

 

Sprecherin:

Die Teilnehmer suchen die Gründe vor allem in ihren Lebensumständen, so wie Peter

Voigt.

 

O-Ton 10 - Peter Voigt:

Ja mein Problem hat begonnen nach Stress im Geschäft. Ich hab plötzlich nicht mehr schlafen können, nicht mehr einschlafen können. Das Problem hat sich dann weiter entwickelt, dass das immer wieder kam.

 

Sprecherin:

Auch Herbert Geiger, der Raffinerie-Arbeiter, der ins Schlafseminar gekommen ist, weil er seiner Frau den Schlaf neidete, führt seine Probleme auf seinen Beruf zurück.

 

O-Ton 11 - Herbert Geiger:

Die Ursache, denke ich, kommt daher, ich bin schon seit 30 Jahren im vollkontinuierlichen Wechselschichtbetrieb tätig und da ist halt mit festen Schlafzeiten, ist es schon ein Problem.

 

Sprecherin:

Immer mehr Menschen geht es wie Herbert Geiger. Neun Millionen Menschen in Deutschland arbeiten mittlerweile regelmäßig abends, drei Millionen nachts. Diese große Gruppe von Schichtarbeitern leidet besonders häufig an Schlafproblemen.

 

Mitarbeiter des Pfalzklinikums schulen mittlerweile in Betrieben vor allem Schichtarbeiter in der Kunst, trotz ihrer schwierigen Arbeitszeiten noch genügend Schlaf zu finden. So empfehlen sie etwa, nach der Nachtschicht mit einer Sonnenbrille auf der Nase heimzufahren, weil das helle Tageslicht sonst den Körper wachmacht und das Schlafen erschwert. Nicht wenige Menschen haben allerdings auch ohne Schichtarbeit Schwierigkeiten mit der Arbeitszeit, während andere gut zurechtkommen. Glück haben die, die früh munter sind, weiß Diplom-Psychologe Werner Cassel vom schlafmedizinischen Zentrum der Universitätsklinik Marburg.

 

O-Ton 12 - Werner Cassel:

Es gibt die Morgenmenschen, nennt man auch oft die Lerchen. Die können problemlos um fünf, halb sechs aufstehen, fühlen sich dann auch schnell nach dem Erwachen frisch, leistungsbereit, sind auch leistungsfähig, haben auch oft ihre beste Zeit in der Zeit ungefähr bis zum Mittag, in der ersten Hälfte der Aktivitätsphase. Und sind dann aber Menschen, die eben abends oft früh von selbst müde werden.

 

Sprecherin:

Für Nachteulen ist es dagegen hart, früh aufzustehen, um pünktlich am Schreibtisch zu erscheinen. Die meisten Menschen liegen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.

 

O-Ton 13 - Werner Cassel:

Aber es gibt diese richtigen Typen, die ganz Frühen und die ganz Späten, alles dazwischen. Und es gibt auch gewisse Hinweise darauf, dass es nicht antrainiert ist oder eine reine Gewohnheit ist, sondern dass es diese Chronotypen eben wirklich biologisch gibt und dass es auch Familien gibt, in denen es besonders häufig Abendtypen gibt und andere Familien, in denen es häufig Morgentypen gibt.

 

Atmo: Wecker ticken

 

O-Ton 14 - Collage:

Ich bin morgens ein Faulpelz und abends bin ich oft sehr wach. Also ich bin so ein Abendmensch. // Ich stehe auf ganz früh jeden Tag normalerweise. Und ich bin verheiratet auch so, aber ich stehe auf immer früher als meine Frau. // Also ich komme morgens super raus. Ich kann abends, okay, ich bin eigentlich auch so ein halber Nachtmensch. Ich brauche nicht mehr so viel Schlaf. Ich bin meistens bis zwei Uhr auf, halb drei oder so. Und komme dann morgens um sechs Uhr, werde ich automatisch wach, brauche gar keine Uhr, gar kein Wecker mehr. // Also ein Frühvogel bin ich auch nicht. Aber ich habe auch das Glück, dass ich erst um acht aufstehen muss. Und das ist ja ganz human. Und dann geht das schon.

 

Atmo: Wecker ticken aus

 

Sprecherin:

Die moderne Marktwirtschaft sorgt aber nicht nur für Schlafprobleme. Sie bietet auch alle möglichen mehr oder weniger seriösen Hilfen an. Die Einwohner der USA geben jährlich 32 Milliarden Dollar für ihre Nachtruhe aus. Sie gehen dafür in Schlafkliniken, kaufen Schlafmittel oder erstehen Kerzen, die wie ein offener Kamin knistern, das Stück zu 75 Dollar. Auch eine Matratze mit Meerestang und Kokosnussschalen für 12.000 Dollar gibt es. In Deutschland fehlt es ebenfalls nicht an Angeboten. Das erfährt Psychologe Weeß regelmäßig von seinen Seminarteilnehmern.

 

O-Ton 15 - Hans-Günter Weeß:

Viele waren beim Homöopathen, da war der Wünschelrutengänger im Haus, da wurde das Bett dann umgestellt, da wurde Elektrosmog beseitigt, da wurde die Magnetfeldtherapie in der Bettdecke sich angeschafft für teuer Geld. Letztendlich sind das alles frustrane Bemühungen, weil der Kern der Ursache, der wurde nicht erkannt und der wurde nicht behandelt.

 

Atmo: SomnialDemo (kurz frei, dann unterlegen)

 

Sprecherin:

Auch speziell aufbereitete Musik soll für Schlaf sorgen. Die „Somnia-Reihe" arbeitet mit Tönen, die für das eine Ohr ein bisschen höher abgespielt werden als für das andere. Dadurch entstehen im Gehirn Wellen, deren Höhe dem Höhenunterschied der beiden Töne entspricht. So lassen sich Gehirnwellen erzeugen, wie sie sonst im Schlaf auftreten. Das soll Schlaf auslösen. Am besten wiedergeben lässt sich die Musik angeblich mit einem besonders hochwertigen Abspielgerät namens inPulser, zu dem es auch ein spezielles Kopfkissen mit eingebauten Lautsprechern gibt. Das Basisset kommt auf 649 Euro, die Deluxe-Variante auf 809 Euro. Neben Privatleuten greifen auch Kliniken und Pflegeheime zu.

 

Atmo: Somnia1Demo (kurz frei, dann unterlegen)

 

Sprecherin:

Psychologen der Universität Köln haben die Spezialmusik in einer kleinen Studie getestet. Ihre Versuchspersonen fanden tatsächlich eine halbe Stunde Tiefschlaf mehr in der Nacht als eine Gruppe mit Placebo-Musik. Die Arbeit wurde allerdings nie in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht. Während einige Schlafmediziner das Verfahren empfehlen, bleibt der Freiburger Schlafforscher Dieter Riemann vorsichtig.

 

O-Ton 16 - Dieter Riemann:

Und dann gibt es so Angebote, die sagen, das sind spezielle Frequenzen, Musik, die regt in ihnen den Tiefschlaf an oder solche Dinge. Und da bin ich skeptisch. Da meine ich, es gibt keine wissenschaftliche Evidenz, dass man durch Musik oder solche Angebote wirklich Tiefschlaf anregen könnte. Da wäre ich sehr skeptisch bei solchen Angeboten.

Atmo: Somnia1Demo (kurz frei, dann unterlegen) Sprecherin:

Es ist kein Wunder, dass viele verzweifelt versuchen, länger und besser zu schlafen. Denn zu kurzer oder schlechter Schlaf kann womöglich das Leben verkürzen. In einer Studie mit 185 gesunden Senioren wurde gemessen, wie lange sie brauchten, um einzuschlafen. Zwölf Jahre später waren von denen, die länger als eine halbe Stunde gebraucht hatten, doppelt so viele gestorben wie von denen, die schneller einschlummerten. Andere Statistiken bescheinigen Kurzschläfern eine kürzere Lebenserwartung.

 

Die Teilnehmer des Schlafseminars ahnen zumindest, dass zu wenig Schlaf auf Dauer ungesund ist. Außerdem wollen sie ja munter am Arbeitsplatz erscheinen. Deshalb versuchen sie, unbedingt genügend Schlaf zu bekommen. Doch um jeden Preis schlafen zu wollen, nützt gar nichts. Es schadet nur. Versucht der Psychologe Dr. Ralf Binder den Teilnehmern klarzumachen.

 

O-Ton 17 - Ralf Binder:

Die zentrale Idee ist folgende: Im Grunde wollen wir den Betroffenen vermitteln, dass der Kampf gegen die Schlaflosigkeit die Schlaflosigkeit erst richtig chronifiziert. Ein normaler Schläfer geht abends zu Bett, der kommt ganz runter, die Stresshormone fahren runter, ist messbar. Beim Schlafgestörten ist es gerade umgekehrt. Also der aktiviert sich. Der geht ins Bett und aktiviert sich, wird voll aktiviert, das ist ein richtiges Stresserleben, das da entsteht und das hindert den natürlich am Schlafen.

 

Sprecherin:

Viele Teilnehmer kennen dieses Phänomen zur Genüge. Peter Voigt erlebt es immer wieder.

 

O-Ton 18 - Peter Voigt:

Ich merke nach einer halben Stunde, ich bin immer noch nicht eingeschlafen. Im Gegenteil, es kommt eine Unruhe auf, die Herzfrequenz geht hoch. Ich beginne zu schwitzen und denke, ach du liebe Güte, das funktioniert nicht, ich komme nicht in den Schlaf. Ich gucke auf die Uhr, es ist eins. Wie viele Stunden habe ich noch bis morgens zum Aufstehen? Vier, fünf Stunden. Ich muss doch schlafen, das geht doch nicht. Ich versuche, wieder einzuschlafen, drehe mich um. Es passiert nichts.

 

Sprecherin:

Herbert Geiger überlegt, was er nun mit der Erkenntnis macht, dass unbedingt Schlafen zu wollen den Schlaf vertreibt.

 

O-Ton 19 - Herbert Geiger:

Ja, mit der Botschaft konnte ich schon was anfangen, das leuchtet auch ein. Das ist ja irgendwo logisch. Wenn ich mich in ein gewisses Muss rein zwinge, dann endet das in einem Teufelskreis. Nur, wie unterbreche ich, also die Praxis, das ist das Schwierige. Wie kann ich das für mich verwirklichen, dass ich aus diesem Teufelskreis rauskomme.

 

Sprecherin:

Psychologe Weeß empfiehlt im Seminar, es heute Abend anders zu machen. Vielleicht erst entspannt ein Buch lesen und dann im Bett Schäfchen zählen oder langweilige Rechenaufgaben machen, etwa mit 10.000 anfangen und dann immer wieder 13 abziehen. Viele Menschen mit Schlafproblemen versuchen dagegen in ihrer Verzweiflung, dem Schlaf künstlich nachzuhelfen. In der Umfrage für das Robert Koch­Institut gaben sechs Prozent der Deutschen an, im vergangenen Monat Schlafmittel genommen zu haben.

 

O-Ton 20 - Collage:

Ich nehme jeden Tag eine halbe Schlaftablette, muss ich nehmen. Vom Arzt verordnet, wissen Sie. Mein Professor ist Dozent, Professor und hat zwei Doktortitel. Ich bin in besten Händen. // Ich habe das probiert. Als mein Mann gestorben ist, da habe ich so das Gefühl gehabt, das liegt alles da dran und so. Dann habe ich probiert, ging überhaupt nicht. Konnte nehmen, was ich wollte. Es hat nichts genützt. // Ich habe mal eine Zeit lang so mit Johanniskraut und mit solchen Dingen das probiert, Baldrian und so versucht. Aber es hat keine besondere Wirkung gehabt bei mir. // Nein, das ist keine Lösung dafür. Würde ich in jedem Fall ablehnen. Das Einzige was man machen kann eventuell, die Wohnung mal irgendwann wechseln. Woanders hinziehen, wo der Flugverkehr nicht so stark im Trend liegt.

 

Sprecherin:

Die Zweifler haben recht mit ihrer Vorsicht. Die gängigen Schlafmittel können abhängig machen. Viele Ärzte weichen daher auf andere Mittel aus. Dr. Christoph Nissen, Oberarzt an der psychiatrischen Universitätsklinik in Freiburg findet das sinnvoll.

 

O-Ton 21 - Christoph Nissen:

Also Antidepressiva, die neben der Hauptwirkung einer antidepressiven Wirkung, die sie erst bei hoher Dosierung haben, schon in niedriger Dosierung auch eine schlaffördernde Wirkung haben. Und diese Substanzen haben den ganz klaren Vorteil, dass sie nicht zu einer Abhängigkeitsentwicklung führen.

 

Sprecherin:

Ärzte greifen auch zu Medikamenten, die ursprünglich gegen Wahnvorstellungen und andere Symptome von Schizophrenie eingesetzt wurden, sogenannten Neuroleptika. Doch Antidepressiva wie Neuroleptika haben Nebenwirkungen. Kritiker beklagen überdies, dass sie in Pflegeheimen gerne auch mal höher dosiert werden, um nervende Bewohner ruhigzustellen. Man sollte also nachfragen, was für Pillen die Schwester da überreicht. Ein Schlafmittel mit weniger Problemen als bei den derzeit eingesetzten Medikamenten wird daher dringend gesucht. Viele Spezialisten setzen auf einen Wirkstoff namens Suvorexant, der im Gehirn als Gegenspieler des Botenstoffs Orexin fungieren soll.

 

O-Ton 22 - Christoph Nissen:

Orexin ist ein Botenstoff, der erst in den letzten zehn Jahren besser untersucht wurde. Orexin wird von einer kleinen Nervenzellpopulation im Hypothalamus produziert. Das sind nur 40.000 Nervenzellen, eine verschwindend geringe Anzahl im Vergleich zu den Milliarden Nervenzellen des Gehirns. Er ist aber ein sehr wichtiger Botenstoff, der den Wachzustand stabilisiert und eine neue Idee ist, über einen Orexin-Antagonismus Schlaf zur fördern. Und es gibt in den USA aktuell einen zugelassenen Orexin-Antagonisten, der in Europa noch in Erprobung ist, wahrscheinlich aber auch zugelassen wird.

 

Sprecherin:

Doch noch ist unklar, ob es wirklich ungefährlich ist, den Gehirn-Botenstoff Orexin zu blockieren.

 

Ein ideales Schlafmittel gibt es also nicht und wird es vielleicht nie geben. Deshalb gelten psychologische Behandlungen heute auch unter Medizinern als erste Wahl. Dabei erfahren die schlaflosen Patienten überraschende Details über ihr Problem, das Experten „Insomnie" nennen. Es fängt damit an, dass sie meist längst nicht so viel Schlaf versäumen, wie sie glauben, Das zeigen Untersuchungen im Schlaflabor. Im Mittel schlafen sie eine halbe Stunde pro Nacht weniger als andere. Und selbst das hat erst einmal keine dramatischen Folgen, argumentiert Professor Riemann, der Freiburger Schlafforscher.

 

O-Ton 23 - Dieter Riemann:

Also eigentlich müssten die ein Schlafdefizit haben, das müsste sich anreichern und dann würde man immer müder und müder. Das ist mitnichten so. Insomnie-Patienten sind wacher tagsüber. Insomnie-Patienten schneiden in der Regel nicht schlechter in Tests ab und sie schlafen auch tagsüber nicht schneller ein. Was für uns dafür spricht, dass die Balance zwischen den Gegenspielern - es gibt ein Schlafsystem und ein Wachsystem - dass die Balance gestört ist und dass vielleicht das System, das sozusagen uns wachhält, zu stark ist.

 

Sprecherin:

Menschen, die nicht gut schlafen können, sind also womöglich besonders wache Zeitgenossen. Dass sie trotz ihrer Probleme in der Nacht am Tag meist gut mithalten können, stellt auch Schlafseminar-Teilnehmer Geiger fest.

 

O-Ton 24 - Herbert Geiger:

Ich habe auch oft den Eindruck, dass ich nur drei Stunden oder so geschlafen habe und wir haben ja auch heute Mittag mal drüber gesprochen, dass man den Tag dann trotzdem schafft. Das ist ja das Phänomen: Ich liege dann nachts im Bett und ach ne, jetzt nur zwei oder drei Stunden und Frühschicht und da ist sowieso viel los. Das schaff' ich nicht, das schaff' ich nicht. Es hat bis jetzt immer geklappt. Ich habe es immer geschafft.

 

Sprecherin:

Aber es ist eben auf die Dauer nicht gesund, wenig zu schlafen und die Insomnie-Patienten fühlen sich tagsüber oft müde. Darum wollen sie im Schlafseminar lernen, mehr zu schlafen. Der Psychologe Ralf Binder, der beim Seminar vor allem für den praktischen Teil zuständig ist, gibt viele Ratschläge.

 

O-Ton 25 - Ralf Binder:

Die wichtigsten Maßnahmen sind regelmäßige Bettzeiten, kein Alkohol am Abend beziehungsweise nicht zu viel Alkohol. Das älteste Schlafmittel der Alkohol, aber auch das schlechteste. Keine zu schwere Mahlzeiten, keine Dinge im Bett. Man sollte jetzt im Bett kein Fernsehen schauen et cetera, man sollte geregelte Bettzeiten haben, so diese allgemeinen Dinge.

 

Sprecherin:

Das klingt nicht sehr originell. Doch selbst Seminarteilnehmer, die eigentlich alles für ihren Schlaf tun, machen hier noch Fehler.

 

O-Ton 26 - Herbert Geiger:

Ich trinke gerne Alkohol vor dem Zu-Bett-Gehen, das gestehe ich. Und ich weiß und das will ich auch mitnehmen, dass ich das einschränke oder gar ganz weglasse.

 

Sprecherin:

Für Patienten mit schweren Schlafproblemen reicht das allerdings noch nicht. Ihnen hilft die Kombination von zwei speziellen Techniken. Die Erste ist die Stimuluskontrolle. Das Bett soll ein Stimulus werden, ein Reiz, der ganz automatisch mit Schlaf assoziiert wird.

 

O-Ton 27 - Ralf Binder:

Es ist oft so, dass sich grad bei chronisch Schlafgestörten das Bett auch so richtig zum Ort des Grübeln, des Denkens, manchmal teilweise noch nicht einmal unangenehme Dinge, das ist bei manchen so verselbstständigt, die können ihr Gehirn gar nicht mehr kontrollieren. Die gehen ins Bett und zack löst es das aus. Und da will man wegkommen davon. Also wer nicht abschalten kann, aus dem Bett raus, setzt sich irgendwohin. da gibt es auch so einen Grübelstuhl. Wenn man nicht abschalten kann, dann setzt man sich und schreibt irgendwas nieder, wenn es nicht anders geht. Was auch oft dann schon als erlösend erlebt wird.

 

Sprecherin:

So wird der Stuhl mit den Sorgen assoziiert und nicht das Bett. Erst wenn der Patient das Gefühl hat, dass er schlafen kann, darf er wieder ins Bett. Auch die zweite Methode setzt darauf, die Zeit im Bett zu verkürzen. Die Vorgehensweise dieser Schlafrestriktion ist ziemlich hart.

 

O-Ton 28 - Ralf Binder:

Wenn einer sagt, er schläft fünf Stunden, dann lassen wir den nur noch fünf Stunden ins Bett. Wenn der jetzt vorher acht Stunden drin war und hatte fünf Stunden Schlaf zusammengekriegt und hat jetzt fünf Stunden Bettzeit zur Verfügung, kriegt er ja keine fünf Stunden Schlaf. Was passiert? Er ist natürlich wach, hat aber umso mehr Schlafdruck in den nächsten Nächten und füllt dann diese Schlaffenster immer weiter aus. Und wenn er dann bei 90 Prozent Schafzeit ist in diesem Schlaffenster, wenn er die schlafend verbringt, subjektiv geschätzt immer wieder, dann darf er das erhöhen.

 

Sprecherin:

Diese radikale Strategie stößt nicht bei allen Teilnehmern auf Begeisterung. Thomas Bunse fürchtet, tagsüber so müde zu sein, dass er sich nicht mehr zu seinem Sport aufraffen könnte.

 

O-Ton 29 - Thomas Bunse:

Und ich sollte mich bewegen und deswegen ist mir schon wichtig, dass ich in einen Gemütszustand komme, wo es mir möglich ist, meinen Sport zu machen. Und so Schlafentzug würde ich jetzt momentan mal so sehen, dass es mir alles andere dermaßen erschwert, rein, rein mental, dass ich, das wäre wahrscheinlich ein sehr, ein sehr letztes Mittel. Da bin jetzt ganz ehrlich.

 

Sprecherin:

Doch es kann sich durchaus lohnen, ein paar harte Wochen ohne viel Schlaf auf sich zu nehmen. Das zeigt sich, wenn Schlafforscher Riemann die Erfolge dieser verhaltenstherapeutischen Methoden in Langzeitstudien mit denen von Schlafmitteln vergleicht.

 

O-Ton 30 - Dieter Riemann:

Da ist vollkommen klar: Eine medikamentöse Therapie wirkt, solange sie das Medikament einnehmen. Wenn Sie es nach vier Wochen absetzen, ist man meist da, wo man vorher war. Die Verhaltenstherapiedaten zeigen an, dass Menschen, die das gemacht haben konsequent, nach sechs und zwölf Monaten noch eine deutliche Schlafverbesserung erleben.

 

Sprecherin:

Für besonders schwere Schlafprobleme bietet das Pfalzklinikum auch eine 19-tägige Behandlung an. Die Techniken sind die gleichen wie beim Schlafseminar, aber sie können intensiver geübt werden. Diesen Klinikaufenthalt bezahlen die Krankenkassen, zum Seminar geben sie einen Zuschuss. Wer seine Schlafprobleme einfach nicht los wird, kann sich auch an eines der gut 300 schlafmedizinischen Zentren in Deutschland wenden, eine Liste findet sich auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. Oft ist so viel Aufwand aber gar nicht nötig. Schon fünfstündige psychologische Programme verbessern den Schlaf bei den Meisten nachhaltig, wie mehrere Studien gezeigt haben. Allerdings ist psychologische Hilfe bei Schlafproblemen schwer zu finden.

 

O-Ton 31 - Dieter Riemann:

Natürlich ist das Verschreiben eines Schlafmittels durch jeden Hausarzt möglich. Und da gibt es doch eine ganze Menge. Da gibt es definitiv mehr, als wie es jetzt Verhaltenstherapeuten gibt, die vielleicht auch noch vom Schlaf eine Ahnung haben.

 

Sprecherin:

Riemanns Arbeitsgruppe hat darum die „Freiburger Schlafschule" gegründet. Sie hat bereits bei der örtlichen Volkshochschule ein Blockseminar angeboten. Dort erfuhren Betroffene, was sie gegen ihre Schlafprobleme tun können. Veranstaltungen in Schulen und Betrieben sollen folgen. Noch weit mehr Menschen könnten mit einem Internet­Angebot erreicht werden, das Riemanns Team ebenfalls vorbereitet.

 

O-Ton 32 - Dieter Riemann:

Die erste Stufe wäre so etwas wie ein Selbsthilfeprogramm. Da gibt man von mir aus sein Schlaftagebuch ein. Und da gibt es einen Algorithmus, der sagt dann, das ist ja furchtbar unregelmäßig. Und dann kann man programmieren, dass man einen Ratschlag bekommt. Sehr genau auf die Daten bezogen, die man eingegeben hat. Dass das Programm dann sagt: Nächste Woche gehe doch bitte erst um zwölf ins Bett und steh' um sieben Uhr auf.

 

Sprecherin:

In den USA und den Niederlanden wurden solche Online-Programme bereits erfolgreich getestet. In Deutschland gibt es bislang nur die rar gesäten Vor-Ort-Angebote wie das Schlafseminar des Pfalzklinikums. Peter Voigt hat in den zwei Tagen gelernt, wie er in Zukunft erholsamen Schlaf findet.

 

O-Ton 33 - Peter Voigt:

Ich versuche mir gute Gedanken zu machen und dann kommt der Schlaf von selbst. Einfach erzählt, aber um diese Einstellung zu bekommen, wenn man in dieser Krise drin ist, ist ein Weg, ein Lernprozess, den man macht, der nicht von heute auf morgen beendet ist. Das Ende ist offen.

 

 

 

 

 

 


Zum Seitenanfang (mit Links)