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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Wissen - Manuskriptdienst
Autor: Jochen Paulus
Sprecher bzw. Übersetzer: Hans Michael Ehl und Ralf Hecht
Redaktion: Sonja Striegl
Sendung: Mittwoch, 12. September 2007, 8.30 Uhr, SWR2
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Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen,
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Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der
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Sprecher:
An einem Sommermorgen im Jahr 1942 mussten die Männer des
Reserve-Polizeibataillons 101 aus Hamburg entscheiden, ob sie zu Mördern
werden wollten. Es wurde ihnen freigestellt, ob sie sich an der Erschießung
der Bevölkerung des polnischen Dorfes Józefów beteiligen wollten. Eine Stunde
der Wahrheit, wie sie ein Drehbuchautor nicht dramatischer hätte erfinden
können. Der Sozialpsychologe Professor Harald Welzer von der Universität
Witten/Herdecke:
O-Ton 1 - Harald Welzer:
Jetzt nehmen wir mal die Situation der berühmten Ansprache
des Major Trapp vor dem Polizei-Bataillon 101, wo explizit den Männern, den
500 Männern des Bataillons freigestellt wurde, ob sie am Töten teilnehmen
oder nicht, und der historische Befund so deprimierend ausfällt, dass
ungefähr fünf von diesem Angebot Gebrauch machen und das Töten verweigern und
die anderen da stehen bleiben.
Sprecher 2:
„Das Böse ist immer und
überall - Warum Menschen Verbrechen begehen.“ Eine Sendung von Jochen Paulus.
Sprecher:
Warum sind 495 von 500 stehen geblieben? Stehen bleiben
bedeutete, sich an der Ermordung von 1.500 Menschen zu beteiligen. Jeweils
ein Bataillons-Angehöriger holte ein Opfer von einem Sammelplatz und zwang
es, mit ihm zur Hinrichtungsstätte zu gehen. Dort musste sich das Opfer mit
dem Gesicht nach unten hinlegen. Der Bataillons-Angehörige trat zu ihm,
richtete sein Gewehr aus nächster Nähe auf den Nacken des Opfers und schoss.
Dann holte er das nächste Opfer. Die meisten waren Frauen.
Dabei hatte es Major Trapp, genannt Papa, seinen Männern
sehr einfach gemacht, sich dem Morden zu entziehen, zumindest auf den ersten
Blick. Als er sie an jenem Sommermorgen 1942 früh zusammenrief, um den
schockierenden Tagesbefehl auszugeben, war ihm selbst sichtlich unwohl. Er
verkündete, dass die grausame Aufgabe zwar erledigt werden müsse. Doch wer
sich ihr nicht gewachsen fühle, brauche nicht mitzumachen. Doch die
allermeisten machten mit - bei diesem und bei vielen weiteren Massenmorden.
Innerhalb weniger Monate brachte die kleine Einheit mindestens 38.000 Juden
um und deportierte weitere 45.000 in das Vernichtungslager Treblinka. Wie
können Menschen so etwas tun? Der Sozialpsychologe Welzer:
O-Ton 2 - Harald Welzer:
Die Frage kann man sogar noch etwas schärfer stellen.
Nicht nur: „Warum töten Menschen“, sondern „Warum töten Menschen, die selber
ein halbes Jahr vorher, wenn man sie gefragt hätte, ob sie das tun würden,
sich mit Händen und Füßen dagegen verwahrt hätten, so etwas zu tun“. Warum
machen die das?
Sprecher:
Warum Menschen andere Menschen töten, misshandeln,
vergewaltigen und ausrauben, beschäftigt seit Jahrtausenden Philosophen und
Theologen und neuerdings auch Psychologen und Soziologen. Wie kommt das Böse
in die Welt? Für den Kirchenvater Thomas von Aquin war seine Existenz das
größte Problem des christlichen Glaubens. Dunkle Mächte wurden verantwortlich
gemacht. „Einflüsterungen des Teufels“ mussten als Erklärung herhalten. Viele
Menschen halten es einfach für unbegreiflich, wie andere solche schrecklichen
Taten begehen können. Doch Sozialwissenschaftler sind in den letzten Jahren
zu einer anderen Überzeugung gekommen: Das Böse ist erschreckend normal.
O-Ton 3 - Harald Welzer:
Es gibt in allen bekannten Massenmorden im 20. Jahrhundert
vergleichbare Züge im Sinne des geregelten Ablaufes. Das sind keine
chaotischen Vorgänge. Die haben nix damit zu tun, dass etwas aus dem Ruder
läuft. Die haben nix damit zu tun, dass irgendwelche Leute einen Blutrausch
haben oder sonst was. Sondern es sind geregelte Prozesse, die von denkenden,
entscheidungsfähigen Menschen durchgeführt werden. Und je häufiger so etwas
vorkommt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder vorkommt,
weil man einfach sieht, dass man so etwas machen kann.
Sprecher:
Das Böse zu erklären, ist eine heikle Aufgabe. Denn die
Gründe der Täter kann man nur verstehen, wenn man versucht, die Welt mit
ihren Augen zu sehen. Die eigene Empörung über die Taten muss in den
Hintergrund treten. Das ist politisch nicht korrekt. Aber es geht nicht
anders.
O-Ton 4 - Harald Welzer:
Wir haben in der Außenperspektive die Leichenhaufen vor
unserem imaginären Auge. Wir haben die Bilder, die als Fotodokumente oder
Filmdokumente überliefert sind von der Vernichtung. Wir wissen, wie der
Holocaust geschehen ist, wir wissen das schreckliche Ergebnis. Und diese
Erkenntnis und dieses Furchtbare schiebt sich sozusagen immer als Raster vor
unseren analytischen Blick. Die Männer, die das tun, die sehen was ganz
anderes.
Sprecher:
Diese andere Sicht haben keineswegs nur Täter in politisch
pervertierten Zeiten, die vielleicht ideologisch verblendet sind. Auch
Mörder, die aus rein persönlichen Gründen töten, haben häufig einen völlig
verzerrten Blick auf ihre Verbrechen.
Der amerikanische Mörder Frederick Treesh raubte zusammen
mit seinen Komplizen mehrere Läden und Banken aus und nahm Autofahrern mit
vorgehaltener Waffe ihre Wagen ab, bevor die Polizei ihn nach einem
Feuergefecht festnahm. „Abgesehen von den zweien, die wir getötet haben, den
zweien, die wir verwundet haben, der Frau, die wir mit der Pistole geschlagen
haben und den Glühbirnen, die wir Leuten in den Mund gestopft haben, haben
wir niemand wirklich verletzt“, meinte er. Der Sozialpsychologe Professor Roy
Baumeister von der Florida State University in Tallahassee nennt dieses
Phänomen die „Schwere-Lücke“. Für die Opfer sind die Taten verheerend, die
Täter halten sie für nicht weiter schlimm.
O-Ton
5 - Roy Baumeister:
… who
killed them doesn't even know whether it was 20 or 25. He would lose count. That
shows how much less it means.
Sprecher:
Täter können also schreckliche Taten begehen, weil sie sie
so schrecklich gar nicht finden. Das erklärt aber noch nicht, warum Menschen
überhaupt Verbrechen begehen wollen. Roy Baumeister, der zu den
meistzitierten Psychologen der Welt gehört, hat eine Systematik der Gründe
aufgestellt.
O-Ton
6 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
Es gibt nicht die eine Antwort. Ich wollte so wenige wie
möglich. Aber ich denke, wir brauchen mindestens vier verschiedene Gründe.
... needed at least four different reasons.
Sprecher:
Vier verschiedene Gründe sind gar nicht so viel angesichts
der Vielfalt der Untaten, die Menschen begangen haben und begehen - von der
privaten Gewalttat bis zum Völkermord. Doch die meisten, wenn nicht alle,
lassen sich mit nur vier Gründen erklären, wie Baumeister herausgefunden hat.
Diese Wurzeln des Bösen sind: Erstens der Mittel zum Zweck, zweitens
Ideologie und Religion, drittens verletzter Narzissmus und viertens Sadismus.
Dabei können hinter ähnlich scheinenden Taten ganz
verschiedene Motive stehen. Es muss beispielsweise keine ideologischen Gründe
haben, wenn die Bewohner ganzer Städte ausgerottet werden. Massenmord kann
auch ein Mittel sein, um an Reichtümer und Länder zu kommen. Anders als bei
den Morden der Nazis ist dann nicht die Vernichtung eines Volkes das Ziel. Im
Mittelalter betrachteten die Europäer die erbarmungslos tötenden Mongolen
unter Dschingis Kahn als Inkarnation des Bösen. Für die Mongolen dagegen
waren ihre Blutorgien einfach eine wirkungsvolle Politik, Städte zu
bestrafen, die sich gegen ihre Herrschaft wehrten.
O-Ton
7 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
Sie sagten jeder Stadt, in die sie kamen: Ihr könnt Euch
ergeben und uns Tribut zahlen. Dann passiert Euch nichts. Wenn Ihr aber
kämpft, werden wir Euch alle töten. Städte, die kämpften, wurden erobert und
sie baten um Gnade. Aber die Mongolen erkannten, dass die nächste Stadt eher
Widerstand leisten würde, wenn sie Gnade walten ließen. Sie mussten also ein
Exempel statuieren. So töteten sie meist zumindest alle Männer und nahmen die
Frauen und Kinder als Sklaven. Es war praktische Politik und sie
funktionierte sehr gut - für ihre materiellen Ziele.
… very
well. For their material goals.
Sprecher:
Verbrechen als Mittel zum Zweck sind der Alltag der
Kriminalität. Raubmorde und Banküberfälle um an Geld zu kommen,
Vergewaltigung um des schnellen Sex willen - all diese Verbrechen fallen in
diese Kategorie. So zynisch es klingt: Manchmal kann das Opfer noch von Glück
sagen, wenn es einem solchen Täter in die Hände fällt.
O-Ton
8 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
Wenn jemand Ihr Geld will, können Sie weiterer Gewalt
vielleicht entgehen, indem sie es ihm geben oder einen Kompromiss aushandeln.
Aber wenn Sie jemand tot sehen will, weil Gott es ihm befohlen hat oder in
einer besseren Gesellschaft kein Platz für Sie ist, dann gibt es kaum einen
Kompromiss.
… well
that is much harder to compromise.
Sprecher:
Wenn zwei Staaten sich aus finanziellen Gründen um eine
ölreiche Region streiten, einigen sie sich vielleicht irgendwie. Wenn es um
heiligen Boden geht, stehen die Chancen schlechter. Das liegt auch daran,
dass ideologisch motivierte Verbrechen - die zweite Gruppe in Baumeisters
Systematik - gerade im Namen der Moral und daher ohne Bedenken begangen
werden. Entsprechend riesig sind die Zahlen der Opfer.
O-Ton 9 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
Was wir angesichts des enormen Blutvergießens im 20.
Jahrhundert häufig vergessen: In der Regel ging es dabei subjektiv darum, eine
bessere Gesellschaft zu schaffen. Die meisten Menschen wurden während der
chinesischen Kulturrevolution oder dem Großen Sprung nach vorn getötet, und
in Russland während der Säuberungen. Das Blutvergießen wurde als Mittel
gesehen, eine bessere Welt zu schaffen. Wenigstens für die, die darin leben
würden. Das gleiche gilt auch für das Deutschland des Nationalsozialismus,
Kambodscha und auch Taten anderswo.
…
Socialism in Germany and Cambodia and elsewhere.
Sprecher:
Schon früh standen hinter den grausamsten Kriegen oft
religiöse Überzeugungen. Moses reagierte zornig, als seine Soldaten bei einem
Feldzug zwar die Männer töteten, aber Frauen und Kinder am Leben ließen. Im
Namen des Herrn ordnete er an, sie sollten alle Frauen und Jungen umbringen -
lediglich die unberührten Mädchen sollten sie für sich selbst übrig lassen.
Nicht minder schrecklich verfuhren die Christen im ersten Kreuzzug mit den
Arabern, die es wagten, der belagerten Stadt Antiochia zu Hilfe zu kommen.
Sie schlugen ihnen die Köpfe ab und schossen die Häupter mit Katapulten in
die Stadt. Fundamentalistische Terroristen und auch ideologisch motivierte
wie die RAF-Terroristen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und
Jan-Carl Raspe kann man als moderne Nachfahren dieser religiösen Überzeugungstäter
sehen.
O-Ton
10 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
Diese Menschen wollen für Veränderungen sorgen. Sie fühlen
sich hohen Idealen verpflichtet und wollen sie anderen aufzwingen und daher
greifen sie zur Gewalt. Sie sind nicht verrückt, jedenfalls nicht alle. Ich
billige ihre Taten natürlich nicht. Aber von ihrem Standpunkt aus wird die
Gewalt um eines positiven Zieles willen begangen.
… in
service of a positive goal and a positive good.
Sprecher:
Selbst die Nazis hatten sich eine eigene Moral
zurechtgelegt, an die zumindest die Überzeugten unter ihnen glaubten.
Bedauerlicherweise waren sie ja nicht alle groteske Figuren wie der dicke
Generalfeldmarschall Hermann Göring. Es gab kluge Köpfe unter ihnen wie den
SS-Obergruppenführer und Juristen Werner Best. Formal stand seine
Rechtfertigung des Nationalsozialismus auf höchstem moralischem Niveau, so
pervers sie auch war. Denn sie lehrte nicht einfach Gehorsam und Eigennutz,
sondern hob auf das allgemeine Interesse ab - wenn auch natürlich nur auf das
des eigenen Volkes. Der Psychologe Harald Welzer nennt dies eine „partikulare
Moral“.
O-Ton 11 - Harald Welzer:
Wenn es jetzt Vordenker gibt, wie in dem Fall Werner Best
und andere, die sich auf juristische Art und Weise oder auf philosophische
Art und Weise Gedanken darüber machen, wie man so einen Staat ausgestaltet,
wie man möglicherweise bestimmte Gesetze begründet, dann werden diese Leute
in ihrer eigenen Selbstwahrnehmung, aber auch in dem, was sie formulieren,
immer auf überzeitliche und überindividuelle Interessen verweisen. Das heißt,
sie abstrahieren sehr stark von sich selber. Was nach gängigen
Moralitätskriterien und Studien zur Moralentwicklung immer ein Kennzeichen
dafür ist, dass jemand eine so genannte postkonventionelle Moral hat.
Sprecher:
So nannte der Entwicklungspsychologe Lawrence Kohlberg in
seiner vielzitierten Theorie der moralischen Entwicklung die höchste Stufe.
Sie wird von den wenigsten Menschen erreicht. Postkonventionell, weil Regeln
nicht einfach als zu befolgende Konventionen begriffen werden - „das steht
eben im Gesetz“ - sondern aus allgemeingültigen moralischen Prinzipien
abgeleitet werden. Das ist philosophisch anspruchsvoll und trotzdem
pervertierbar. Das heißt zwar nicht, dass die Täter in den
Erschießungskommandos und den Konzentrationslagern beim Morden großartige
moralische Überlegungen angestellt hätten. Die Ideologie entfaltete ihre
Wirkung lange vorher - ein Prozess, den Harald Welzer in seinem Buch „Täter“
nachgezeichnet hat. Nazis wie Werner Best sorgten für ein Meinungsklima, in
dem es normal wurde, Juden und andere Mitglieder der Bevölkerung
auszugrenzen. Der Bürger wurde dabei nicht gebeten, einer mörderischen
Ideologie beizupflichten. Er musste lediglich einige Schwellen überschreiten,
wie Welzer es nennt.
O-Ton 12 - Harald Welzer:
Wobei das Perfide darin liegt, dass das Überschreiten der
ersten Schwelle zwar Überwindung kostet, aber nicht besonders schlimm
erscheint. Das wäre zum Beispiel zu registrieren, dass in dem Amt, in dem man
arbeitet, einige Kollegen ihren Arbeitsplatz verlieren, weil sie, wie es
damals hieß, der falschen Rasse angehören. Da kann man dann privat darüber
empört sein, das ungerecht finden, aber man ist vielleicht geneigt das zu tolerieren,
weil die Zeiten sind halt so oder der hat sich eh schon immer komisch
benommen oder so. Niemand denkt dabei an Mord.
Sprecher:
Später, bei der so genannten Reichskristallnacht, werden die
Geschäfte von Juden zerstört. Das ist unschön, aber zu diesem Zeitpunkt nicht
mehr schlimm genug, um wirklich einzugreifen. Irgendwann wird vielleicht ein
Nachbar abgeholt, aber man weiß ja nicht einmal genau, was mit ihm passiert.
Und dann kommt der Punkt, an dem sich Männer wie die Angehörigen des
Polizeibataillons 101 entscheiden müssen, ob sie die letzte Schwelle
überschreiten. Die Schwelle zum Töten. Doch nun haben sie sich bereits daran
gewöhnt, dass es Menschen gibt, die nicht die gleichen Rechte haben wie
andere. Menschen, die ganz offenbar misshandelt werden dürfen.
O-Ton 13 - Harald Welzer:
Und wenn man die Schwellen alle rekonstruiert, die bis zu
diesem Zeitpunkt alle überschritten worden sind, dann steht da eben nicht ein
Dr. Jekyll, der zum Mr. Hyde wird, sondern da steht eine Person, die sich
eine bestimmte Wirklichkeitswahrnehmung und eine bestimmte Moralität
zugeeignet hat, zusammen mit vielen anderen. Und an dieser Stelle wird die
Entscheidung, dass er sich für das Töten entscheidet, in einer Gruppe, gar
nicht mehr so bizarr und fremd, wie wir das normalerweise wahrnehmen.
Sprecher:
Für einen Angehörigen des Bataillons 101 war es auch
deshalb schwer, sich zu verweigern, weil er dazu aus der Gruppe der Kameraden
hätte heraustreten müssen. Er hätte sich zum Außenseiter gemacht. Das war für
die Polizisten ein wichtiger Grund, mitzumachen, meint Harald Welzer.
O-Ton 14 - Harald Welzer:
Jetzt wird man sofort einwenden, wenn man sich das anhört:
Aber es geht doch um Mord. Und am Ende geht es um Mord. Nur die
Handlungsweisen, die in dem Vollzug vor dem Mord eine Rolle spielen, sind
perfiderweise genau dieselben, die wir in anderen Alltagssituationen auch
haben. Um es schlicht zu sagen, unangenehme Aufgabe, die wie wir wissen,
erfüllt werden muss, und appelliert wird an unsere Unterstützung. Das macht
es sehr wahrscheinlich, dass man sich dafür entscheidet.
Sprecher:
Doch auch ohne Gruppendruck lassen Menschen sich nur allzu
leicht dazu bringen, andere im Namen einer Idee zu quälen und umzubringen.
Dies bewies 1961 ein erschreckendes Experiment des Psychologen Stanley
Milgram von der Yale University. Angeblich ging es darum, wie sich Bestrafung
in Form von elektrischen Schlägen auf das Lernen auswirkt. Tatsächlich war
jedoch der so genannte Lehrer die eigentliche Versuchsperson. Wie hohe
Stromstöße würde er geben? Der Versuch wurde in den sechziger Jahren in
vielen Ländern wiederholt, so auch im Münchner Max-Planck-Institut, wo Hans
Lechleitner vom Bayerischen Rundfunk ihn für seine Fernsehdokumentation
„Abraham“ festhielt. Zunächst erläuterte der Versuchsleiter dem „Lehrer“, wie
er mit einem so genannten Schockerzeuger auf die Antworten des Lernenden
reagieren sollte.
O-Ton 15 - Milgram-Experiment:
Versuchsleiter: Antwortet der Lernende richtig, sagen
sie „richtig“ und gehen weiter zur nächsten Zeile. Antwortet er falsch, sagen
Sie „falsch“, geben die entsprechende Voltzahl an, mit der Sie bestrafen,
führen die Bestrafung aus und geben ihm anschließend die richtige Antwort.
Fangen Sie bei 15 Volt an und gehen Sie dann bei jedem Fehler, den der
Lernende macht, eine Stufe höher. Es ist sehr wichtig, dass Sie diese
Reihenfolge einhalten.
Sprecher:
Der Lehrer konnte sich bei einem Probeschock davon
überzeugen, dass bereits 45 Volt weh tun. Jeder weiß, dass der normale
Netzstrom mit seinen 220 Volt einen Menschen töten kann. Doch auf der
Apparatur standen Stromstärken bis 450. Wie weit würde die Versuchsperson
gehen, wenn der Schüler immer mehr protestiert und schreit?
O-Ton 16 - Milgram-Experiment:
Schüler (schreit): Aaah. Aaah. Aufhören. Ich halt’s
nicht mehr aus. Aufhören. (offenbar versagt ihm die Stimme). Versuchsleiter:
Machen Sie weiter. Lehrer: Weiterlesen? Versuchsleiter: Und
weiter bestrafen. Selbstverständlich. Lehrer: Des mach‘ ich net. Des brech‘
ich ab. Bestraf‘ den doch net so. Der schreit wia a Stier. Ich möch‘ ja auch
net da drin sitzen. Versuchsleiter: Machen Sie weiter. Das Experiment
verlangt, dass Sie weiter machen. Das ist ganz klar.
Sprecher:
Wird er weitermachen?
O-Ton 17 - Milgram-Experiment:
Lehrer: Richtig wär‘ gewesen: golden und Mond. Versuchsleiter:
Haben Sie ihn bestraft nun oder nicht? Lehrer: Nein. (Klacken von
Hebel) Sin‘ zwohundertfünfafuffzich. Schüler (schreit): Aaah. Aaah. Aufhören.
Ich halt’s nicht mehr aus. Aufhören. (kann kaum noch sprechen).
Sprecher:
Der Schüler erhält keine Stromstöße, er ist ein
Schauspieler. Aber das erraten nur sehr wenige Versuchspersonen. Alle anderen
sind davon überzeugt, dass sie einen Menschen quälen, der ihnen nichts getan
hat. Mehr als zwei Drittel verabreichten sogar noch die höchste Stromstärke,
450 Volt. Wahrscheinlich hätten sie sich geweigert, wenn man sie gleich zu
Beginn gebeten hätte, mit 450 Volt zu bestrafen. Doch sie waren bereit,
einigermaßen harmlos anzufangen und immer ein bisschen höher zu gehen. Sie
waren bereit, eine Schwelle nach der anderen zu überschreiten. Geschickt
konstruierte Schwellen, ein angeblich höherer Zweck, vorgetragen mit einer
gewissen Autorität - schon sind ganz normale Menschen zu Grausamkeiten fähig,
die sie von sich aus gar nicht begehen wollen.
Doch auch wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind,
können Menschen gewalttätig werden. Roy Baumeister hat noch eine weitere
große Wurzel des Bösen gefunden.
O-Ton
18 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
Die dritte nenne ich bedrohtes Selbstwertgefühl. Das
heißt, Menschen oder Gruppen haben eine hohe Meinung von sich selbst und
werden gewalttätig, wenn andere sie infrage stellen. Ob nun das Mitglied
einer Gang den Eindruck hat, dass ihm jemand nicht genug Respekt
entgegenbringt, oder sich ein Land nicht ausreichend geachtet fühlt.
… it is
not getting the respect it deserves.
Sprecher:
Dies wird sogar als Erklärung für den Terrorismus von al-Qaida
diskutiert. Manche glauben, dass Osama Bin Laden aus einem Gefühl der
Demütigung heraus handelt. Er sei wie viele Araber überzeugt, dass der Islam
früher die einzige Supermacht war, während die arabische Welt jetzt
entrechtet sei. Selbst die hauptsächlich
ideologisch motivierte RAF besaß mit Andreas Baader ein Gründungsmitglied,
das durch ausgeprägten Narzissmus auffiel. Im palästinensischen Trainingscamp
weigerte Baader sich, einen Kampfanzug anzuziehen, sondern robbte in seinen
engen Samthosen durch die Wüste. Verhaftet wurde er in einem
auberginefarbenen Porsche. Offenbar verschafften ihm auch seine Gewalttaten
die Beachtung, die er sich wünschte.
Im Gegensatz dazu wird oft behauptet, dass gewalttätige
Menschen an einem niedrigen Selbstbewusstsein leiden und zuschlagen, um sich
auch einmal stark zu fühlen. Doch so plausibel dies klingt - Experimente von
Baumeister und anderen zeigen das Gegenteil. Vor allem Narzissten, also
Menschen mit einem überhöhten Selbstbewusstsein reagieren aggressiv, wenn andere
sie nicht für so großartig halten wie sie sich selbst.
O-Ton
19 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
Auch ein prügelnder Ehemann meint oft, dass er von seiner
Frau nicht genügend respektiert wird.
… he thinks
she should.
Sprecher:
Aber was ist mit jener - vierten - Wurzel des Bösen, die
gerne in Kriminalfilmen präsentiert wird: Untaten aus der puren Freude an
Quälerei und Mord? Bei Verbrechen von den Dimensionen des
nationalsozialistischen Völkermords oder der RAF vor 30 Jahren hilft die
Theorie von irgendwie perversen Tätern nicht viel weiter. Harald Welzer:
O-Ton 20 - Harald Welzer:
Diese Suche führt eigentlich in eine Sackgasse, weil man
auf der anderen Seite mittlerweile weiß, dass der Anteil derjenigen, die nun
tatsächlich auffällige Persönlichkeitsmerkmale zeigten, nach allen
Untersuchungen etwa dem der Normalbevölkerung unter anderen Umständen
entspricht, also in dem Bereich von fünf Prozent anzusiedeln ist.
Sprecher:
Es klingt zynisch, aber die so motivierten Verbrechen
gehen in der Vielzahl der Taten unter. Auch in Friedenszeiten spielt die
„Mordlust“ eine sehr geringe Rolle, obwohl selbst das Strafgesetzbuch diesen
Begriff verwendet. Ähnlich sieht es Roy Baumeister. Er spricht von Sadismus,
womit aber nicht sexueller Sadismus gemeint ist, sondern die Freude am Quälen
und Töten.
O-Ton
21 - Roy Baumeister:
The
fourth root is sadism. So do …
Übersetzung:
Die vierte Wurzel ist der Sadismus. Kann es Menschen
wirklich Freude machen, andere zu verletzen? Ich glaube, das ist
ungewöhnlich, aber es ist möglich. Ich war ursprünglich skeptisch. Opfer
berichten das oft: Sie haben gelacht, während sie die Leute erschossen haben
und dergleichen. Aber es entspricht der Mentalität der Opfer, das zu glauben
- es lässt die Täter böser erscheinen.
… it
because they like it. It makes them seem more evil.
Sprecher:
Doch Baumeister fand eine Reihe von Fällen, die belegen,
dass Menschen Grausamkeiten tatsächlich genießen können. Etliche
amerikanische Serienmörder kamen in Vietnam auf den Geschmack. Häufig töten
die Täter zunächst aus anderen Motiven, dann erst gewöhnen sie sich daran und
merken schließlich, dass es ihnen Spaß macht. So ging es selbst einigen der
Freiwilligen, die im spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten kämpften.
O-Ton
22 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
Es war ein sehr grausamer Krieg, indem Zivilisten
erschossen wurden, wenn sie die andere Seite unterstützten. Manchmal
erzählten die Täter ihren Freunden vom Töten und einer sagte: Das Schlimmste
daran ist, dass ich beginne, es zu mögen. Es macht Spaß, Leute an die Wand zu
stellen und zu erschießen.
… be fun
to line up people and shoot them.
Sprecher:
Wie konnten Menschen, die aus Idealismus in den Krieg zogen,
Spaß am Töten entwickeln? Baumeister vermutet, dass dies an der Art liegt,
wie der Körper ganz allgemein Gefühle reguliert. Er strebt ein Gleichgewicht
an, einen mittleren Zustand. Gerät er durch schlimme Erfahrungen in einen
negativen Zustand, versucht er das Gleichgewicht wiederherzustellen, indem er
positive Gefühle mobilisiert. Dies gelingt ihm immer besser, je öfter sich
dieser Prozess wiederholt. Am Ende können die positiven Gefühle sogar
überwiegen. Aus Schrecken ist Freude geworden. Das passiert zum Beispiel beim
Fallschirmspringen.
O-Ton 23 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
Beim ersten Mal ist es nur schrecklich. Aber es bleibt
nicht so. Um dem Schrecken entgegenzuwirken, erzeugt der Körper positive
Gefühle und schüttet Chemikalien aus, die für Euphorie sorgen. Beim ersten
Sprung ist der Schrecken groß und das Vergnügen gering. Aber wenn man immer
wieder springt, wird die Vergnügen immer größer und der Schrecken immer
geringer.
... and
more pleasure and less and less fear of it.
Sprecher:
Der gleiche Mechanismus greift manchmal offenbar auch beim
Töten, so merkwürdig es klingt.
Gründe für das Böse gibt es also mehr als genug.
Verbrechen als Mittel zum Zweck, aus Ideologie, aus Narzissmus, aus Sadismus.
Doch die vielen Erklärungen führen zu einem neuen Problem.
O-Ton 24 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
In meinem Buch über das Böse wollte ich der Frage
nachgehen: Warum gibt es das Böse? Als ich es zur Hälfte fertig hatte, dachte
ich: Wenn es so viele Gründe für das Böse gibt, warum gibt es dann nicht noch
viel mehr Böses?
... why
is there not more evil than there is?
Sprecher:
Baumeisters Antwort: Menschen verfügen über die Fähigkeit zur
Selbstkontrolle. Sie hindern sich selbst daran, unmoralischen Impulsen und
Wünschen nachzugeben. Sie tun dies, weil sie Gefühle haben, die sie dazu
drängen. Schuldgefühle zum Beispiel.
O-Ton 25 - Roy Baumeister:
Übersetzung:
Schuld hat einen schlechten Ruf. Viele denken, wir sollten
aufhören, uns schuldig zu fühlen. Aber Schuld nützt der Gesellschaft, auch
wenn es nicht angenehm für den Einzelnen ist, sich schuldig zu fühlen.
Menschen ohne Schuldgefühle begehen eher Gewalttaten. Schuldgefühle fördern
die Selbstkontrolle. Ein Grund dafür, dass Menschen vor Gewalttaten
zurückschrecken, ist, dass sie sich sonst schuldig fühlen würden.
... from
violent actions is that they anticipate feeling guilty because of them.
Sprecher:
Ein anderer Schutz ist Mitgefühl, Empathie, wie die
Psychologen sagen. Menschen, bei denen Empathie und Schuldgefühle kaum
vorhanden sind, so genannte Psychopathen, begehen einen großen Teil der
Schwerverbrechen. Doch selbst Serienmörder lassen sich von Mitgefühl
aufhalten, wenn auch leider nicht immer. Kommissar Stephan Harbort.
O-Ton 26 - Stephan Harbort:
Die sagen mir: Ist doch klar, ich brauche diese
Anonymität, sonst kann ich jemanden nicht töten. Ich kann nicht meine Mutter
töten, ich kann nicht meine Brüder töten und ich kann auch keinen Freund
töten. Aber jemanden, den ich nicht kenne, der mir zufällig über den Weg
läuft, da hab‘ ich die Möglichkeit, beispielsweise meine Phantasien
auszuleben.
Sprecher:
Gefühle halten Menschen von Untaten ab, nicht moralische
Überzeugungen. Das zeigt sich auch bei den Menschen, die im Dritten Reich den
Verfolgten halfen, die beim Töten nicht mitmachten, die Gefährdete laufen
ließen oder versteckten. Noch einmal Harald Welzer:
O-Ton 27 - Harald Welzer:
Die wenigen Interviews, die es mit solchen Personen gibt,
oder auch autobiografische Berichte, nennen eigentlich immer einen Grund,
weshalb die das getan haben, wenn sie selbst gefragt werden. Die sagen
nämlich: Das kann man doch nicht machen. Es wird also keine großartige
ethische Begründung herangezogen. Es wird kein religiöser Entwurf gemacht. Es
werden keine Glaubensüberzeugungen geäußert. Sondern die sagen: Das kann man
doch nicht machen.
Sprecher:
So ging es am Ende auch dem „Lehrer“ in dem schockierenden
Münchner Experiment. Er wollte nicht länger Stromstöße verabreichen und
weigerte sich - wenn auch ziemlich spät, bei 300 Volt. Er war einer der
wenigen, die überhaupt ausstiegen.
O-Ton 28 - Milgram-Experiment:
Lehrer: Sie können des Geld wieder haben, Sie können
des wieder machen. Versuchsleiter: Es geht hier nicht ums Geld. Es
geht darum, dass Sie durch Ihre Mithilfe am Gelingen eines Experiments
mithelfen. Also setzen Sie sich hin und machen Sie weiter. Lehrer: Ich
will dem sein Geschrei net anhören. Ich mach‘ net weiter.
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