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Schlitzohren
am Werk |
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Im
Vergleich zu zehn Milliarden Mark ist der Jackpot beim Lotto gar nichts. Zehn
Milliarden Mark zu viel geben aber die 18 Millionen Mieter in deutschen Mehrfamilienhäusern
für Öl und Gas aus - und zwar Jahr für Jahr. Einsparen ließe sich das Geld,
wenn wenigstens die besonders luftig gebauten Häuser besser gedämmt würden
und Isolierfenster verpasst bekämen; nebenbei blieben der Umwelt 30 Millionen
Tonnen des Treibhausgases CO2 erspart. Der Modernisierungsaufwand würde sich
oft rasch bezahlt machen. Das Geld liegt auf der Straße. Trotzdem
sammelt es kaum jemand ein. Niedrigere Heizkosten kämen den Mietern zugute,
die Hauseigentümer aber müssten die Handwerkerrechnungen begleichen, deshalb
halten sie sich zurück. Die Mieter wiederum wissen dank geheimnisvoller
Heizkostenabrechnungen oft nicht genau, was die Wärme sie eigentlich kostet.
Und meist ahnen sie nicht einmal, dass es auch billiger ginge - ganz zu schweigen
davon, dass ihnen Mittel und Recht fehlen, den unerfreulichen Zustand zu
ändern. Beide, Mieter und Vermieter, sind im Investor-Nutzer-Dilemma gefangen
- eine Herausforderung für Schlitzohren. Auftritt
Johannes Hengstenberg, beredter Inhaber der Münchner ArbeitsGruppe Energie
(AGE). Das kleine Beratungsunternehmen ist ausgezogen, den Leuten die
Wahrheit über ihre Heizkosten nahe zu bringen, Stadt für Stadt. Ihr Werkzeug
sind so genannte kommunale Heizspiegel, wie sie bis jetzt für 15 Orte von
Kiel bis München erstellt wurden. Errechnet etwa aus den Daten von
Heizungsablesefirmen, verraten sie, wie viel Liter Öl oder wie viel
Kubikmeter Gas am Ort normal sind. Wenn dann im zweiten Schritt Mieter ihre
Heizkostenabrechnungen einschicken, kann ihnen die AGE leicht sagen, wie ihre
Behausung im Vergleich abschneidet. Gehört sie womöglich zu den zehn Prozent
Spitzenverbrauchern, bei denen dringend etwas getan werden müsste, schon weil
die Bewohner nicht selten das Doppelte von Sparverbrauchern bezahlen? Würde
allein diese Spitzengruppe saniert, ließen sich schon zehn Prozent des
Brennstoffs für Zentralheizungen nebst den zugehörigen Emissionen einsparen. Natürlich
braucht eigentlich kein Fachmann einen örtlichen Vergleichsmaßstab, um zu
erkennen, dass mit einem Gebäude dieses Schlags etwas faul ist. Das verrät
ihm die hohe Rechnung ohnehin. Zwar berücksichtigen kommunale Heizspiegel in
der Theorie das örtliche Klima, doch in der Praxis weisen sie für das sonnige
München einen höheren Verbrauch aus als für das kühle Kiel. Schuld ist der
schlechte Zustand der bajuwarischen Gebäude. Ob es deswegen bei der Bewertung
mildernde Umstände für einen Verschwender geben sollte, der in München gerade
noch durchkommt, aber in Kiel zu den zehn Prozent Schmutzfinken gezählt würde,
ist schon die Frage. Aber so
denken die Schlitzohren von der AGE nicht. Die Pragmatiker wollen, dass sich
überhaupt etwas tut. Darum agieren sie im lokalen Rahmen, und jeder wird an
seinem kommunalen Heizspiegel gemessen. In München etwa unterstützen die
Stadt und der Mieterverein die Aktion, die Abendzeitung trommelt
regelmäßig zum Mitmachen. "Unsere
Arbeit wäre unnötig, wenn die Abrechnungen okay wären" Die
Methode zeitigt Erfolge, wie die vor kurzem fertig gewordene Analyse von
fünfjährigen Bemühungen in der Bayern-Metropole zeigt. "Wir haben in
München eine gewaltige Modernisierungswelle ausgelöst", berichtet
AGE-Chef Hengstenberg begeistert. Ein Viertel der von ihren Mietern
informierten Hausbesitzer machte sich ans Modernisieren, ein weiteres Fünftel
hat dies vor. Nach den Kalkulationen der AGE dürfen sich die örtlichen
Handwerker über Aufträge im Wert von 170 Millionen Mark freuen, die letztlich
dem Klima zugute kommen. "Ich kann es immer noch nicht glauben",
freut sich Hengstenberg. Gelinde
Zweifel können in der Tat nicht schaden, denn von den angeschriebenen Mietern
reagierte nur ein Fünftel, und auf ihren Angaben fußt die ganze Rechnung.
Womöglich haben sich vor allem Mieter gemeldet, die Erfolge mitzuteilen
hatten - dann wäre die Erfolgsbilanz natürlich geschönt. Gelohnt hätte sich
die Sache trotzdem, denn die Strategie ist billig. "Wenn eine Stadt uns
eine Mark gibt, machen wir daraus 1000 Mark Umsatz", triumphiert
Hengstenberg. Auch für
die Hausbesitzer rechnet sich die Dämmung ihrer Energieschleudern, vor allem
wenn die Fassade ohnehin mal wieder verputzt werden muss. Denn sie können
einen erklecklichen Betrag in Form einer Mieterhöhung weiterreichen. Den
Mietern tut dies nicht weiter weh, weil sie in Zukunft weniger Heizkosten
überweisen müssen - oft gewinnen sie unterm Strich sogar. Obwohl
also alle glücklich werden könnten, reichte in München nur jeder zweite
Mieter die Ergebnisse des Heizenergie-Checks der AGE an den Wohnungseigentümer
weiter - der Rest fürchtete, zumal in kleineren Gebäuden, um den Hausfrieden.
Dabei spielte es keine Rolle, ob die Analyse auf dringenden Sanierungsbedarf
deutete oder nicht. Noch erstaunlicher und in den Augen von Hengstenberg ein
"erschütterndes Ergebnis": Wenn ihr Haus schlechte Noten erhielt,
sanierten die Besitzer kaum häufiger als bei einem passablen Zeugnis.
Offenbar wirkt allein der Denkanstoß, die Feinheiten interessieren weniger.
Ein erhebliches Maß an Wurstigkeit enthüllen die Heizenergie-Checks
regelmäßig auch woanders. Häufig sind Öl- und Gasheizungen zu groß für das
Haus und dadurch unwirtschaftlich. Nach dem Motto: "Wenn der sibirische
Winter kommt, wollen Sie doch nicht frieren", raten die Heizungsplaner
gern, die Anlage doch lieber eine Nummer größer zu nehmen. Dann klagt der
Kunde garantiert nicht über zu kalte Stuben, und nebenbei lässt sich so mehr
verdienen. Außerdem bestellen viele Hausbesitzer bei den Stadtwerken weit
mehr Gas oder Fernwärme, als jemals gebraucht wird - allein diese
Schludrigkeit kostet deutsche Mieter jedes Jahr eine Milliarde Mark in Form
von zu hohen Grundgebühren. Dazu kommen 600 verschenkte Millionen für
überflüssigen Strom, den die Heizungspumpen nur deshalb schlucken, weil sie
schlecht geregelt sind. All diese
verräterischen Informationen lassen sich den Heizkostenabrechnungen
entnehmen, wie sie jährlich Mietern und Besitzern von Eigentumswohnungen ins
Haus flattern. Doch für deren Exegese braucht es Fachleute wie die Münchner
Spezialisten für kommunale Heizspiegel. "Unsere ganze Arbeit wäre gar
nicht nötig, wenn die Abrechnungen besser wären", kommentiert
Hengstenberg. "Bitte macht uns überflüssig." |